Warum der Informatikunterricht am Ende ist...
Ich nehme seit einem Jahr an einer Weiterbildungsmaßnahme (VLIN) teil, durch die ich die Lehrbefähigung für das Fach Informatik erwerben kann. Prof. Dr. Modrow, der die Weiterbildungs- maßnahme und die Referendarsausbildung für Informatiklehrkräfte in Göttingen leitet, hat wiederholt auf die kritische Entwicklung dieses Faches hingewiesen. Worum geht es genau? In den 80er Jahren wurden ca. 1000 Lehrkräfte durch eine Weiterbildungsmaßnahme zu Informatiklehrerinnen und –lehrern ausgebildet. Davon hat sich ein Teil schon vor Jahren aus dem „aktiven Unterricht“ zurückgezogen. Ein Großteil der Lehrkräfte wird in den nächsten 10-15 Jahren in den Ruhestand gehen. Die Versorgung mit Informatiklehrern ist bereits so schlecht, dass Informatik als Unterrichtsfach in der Sek. I nicht mehr flächendeckend angeboten werden kann. Entsprechende Pläne für die Sek. I gab es und wurden verworfen. Durch die letzte Oberstufenreform ist es zwar möglich, dass alle Schüler, die eine zweite Naturwissenschaft belegen müssen, auch Informatik belegen können, doch ist das Zustandekommen entsprechender Kurse keine Selbstverständlichkeit. Abiturprüfungen in Leistungskursen bzw. E-Kursen, die ebenso denkbar wären, kommen derzeit nur in Göttingen und Gifhorn zustande, wo Oberstufen aus verschieden Schulen gemeinsame „Stadtleisten“ bilden. Dort werden also Kurse mit Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Schulen gebildet. Eine solche Zusammenarbeit mit anderen Schulen kommt aber für Sarstedt nicht in Frage. Prof. Dr. Modrow ist der Ansicht, dass die Informatik in der Sek. I gestärkt werden müsste, um falsche Erwartungen, mit denen die Schülerinnen und Schüler z. T. in der 11. Klasse das Fach anwählen, abzubauen und ein festeres Fundament für das Fach insgesamt zu schaffen. Die Zukunft des Faches ist durch die mangelnde Lehrerversorgung ernsthaft bedroht. Zurzeit wird gerade in Göttingen an der Universität Informatik als reguläres Unterrichtsfach für das Lehramtstudium aufgebaut. Ob aber angesichts der ungewissen Zukunft des Faches an Schulen tatsächlich genügend Studentinnen und Studenten gefunden werden können ist fraglich. Es gibt eine sehr geringe Anzahl von Studentinnen und Studenten, die während des Studiums Informatik als Erweiterungsfach studieren. Diese könnte man, so Prof. Dr. Modrow, einzeln per Handschlag begrüßen. Ebenso ist die Anzahl der Informatiker und Informatikerinnen, die in den Schuldienst wechseln verschwindend gering. Insgesamt treten zusammen mit den durch VLIN ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern ca. neue 10-15 Lehrkräfte pro Jahr ihren Dienst an. Ändert sich nichts an den Ausbildungszahlen, so gibt es für das Unterrichtsfach Informatik keine Zukunft und die Schulen fallen zurück in die Ära der 80er Jahre. Dieses ist haarsträubend, wenn man bedenkt, welche Bedeutung das Fach für die Wirtschaft und für das Technologieland Deutschland hat. Gerade in der jüngeren Zeit zeigt sich erneut ein steigender Bedarf an solide ausgebildeten Informatiklehrkräften. Warum werden so wenig Informatiklehrerinnen und -lehrer ausgebildet? Zum einen, weil Informatik seit Jahrzehnten zwar als reguläres Schulfach angeboten wird aber zugleich im Lehramtstudium Informatik nur als Erweiterungsfach zugelassen wurde. Für Studentinnen und Studenten, die in der Regelstudienzeit ihren Abschluss machen wollen, ist dieses kaum eine Option.
Technik und Naturwissenschaften spielen am Gymnasium eine untergeordnete Rolle. Dieses wird allein dadurch deutlich, wenn man die Stunden, die die Schüler belegen müssen, in den Bereichen A, B und C getrennt zusammen zählt.
Informatik hat sich mittlerweile zu einem Fach mit großer Bandbreite entwickelt, das in viele Bereiche des Lebens hineinreicht. Entsprechend hat die Nachfrage zugenommen. Auch das Ingenieurswesen steht vor ähnlichen Nachwuchsproblemen. Ursache dafür ist nicht zuletzt, dass Schüler im heutigen Bildungssystem (am Gymnasium) kaum Kontakt mit technischen Denk- und Arbeitsweisen erhalten. Dieses schon zuvor erwähnte Defizit hat historische Gründe: Während sich in der Vergangenheit Ingenieure aus Realschülern rekrutierten, haben fast alle angehenden Ingenieure heute die Hochschulreife, ohne dass diese Verschiebung sich in Unterrichtsinhalten des Gymnasiums niedergeschlagen hat. Je nach Stundentafel konzentrieren sich 43%-46% aller Unterrichtsstunden allein auf den Bereich A (Sprachen, Musik, Kunst)! In Informatik werden die Probleme durch die völlig unzureichende Lehrerausbildung verstärkt, wobei paradoxerweise der Mangel an ausgebildeten Informatiklehrkräften dazu geführt hat, dass das Fach ein Schattendasein führt (- führen muss!). Das Fach wird scheinbar im Kultusministerium nicht ernst genommen. Wenn nicht die Eltern (potentielle Wähler!) Druck auf die Landesregierung ausüben, dann wird erst gehandelt, wenn es schon für mehre Schüler-Jahrgänge zu spät ist! Diesen Schülerinnen und Schülern werden Zukunftschancen genommen. Vom Schaden am „Forschungsstandort Deutschland“ einmal abgesehen! Erst wenn die Defizite überdeutlich werden, werden (müssen!) die Politiker handeln – und können sich dann als „Retter“ präsentieren… Warum nicht schon jetzt handeln??? Anbei noch ein Hilferuf Aktuelle Meldungen zum Thema jetzt unter News!
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